
In der Fertigung ist Produktqualität über Jahrzehnte zu einer eigenen Disziplin gereift, mit Methoden, Verantwortlichkeiten und einer gelebten Kultur. Bei der Software, die diese Fertigung steuert, sehen wir in unseren Mandaten ein anderes Bild. Das Thema wird dringlicher: CRM-, ERP- und PLM-Systeme liegen zunehmend in der Cloud und werden inzwischen mehrmals im Jahr aktualisiert. Früher lagen zwischen zwei Releases oft mehrere Jahre. Dieser Beitrag fasst Muster zusammen, die wir in mehreren Mandaten in der Fertigung beobachtet haben, und stellt sie öffentlichen Studien gegenüber.
Six Sigma, Poka-Yoke, statistische Prozesskontrolle: Die physische Fertigung hat ausgereifte Disziplinen für Qualität entwickelt. Sobald es um die Software geht, die diese Fertigung heute steuert und vernetzt, verschwindet dieser Anspruch weitgehend. Unserer Erfahrung nach liegt ein wichtiger Grund in der Budgetlogik: Produktqualität wirkt auf den Umsatz, Softwarequalität wirkt auf die Kosten.
Produktqualität wirkt auf die Topline. Sie rechtfertigt Investitionen, weil sie Kundenzufriedenheit, Marktposition und Ausschussraten unmittelbar beeinflusst, sichtbar im Umsatz und im Markenversprechen.
Softwarequalität wirkt auf die Bottomline. Sie wird fast ausschliesslich als Kostenfrage behandelt und verliert im internen Ressourcenwettbewerb gegen Initiativen mit sichtbarem Umsatzbezug, trotz grossem Potenzial für Effizienzgewinne und Risikoreduktion.
Das erklärt auch, warum belastbare Kennzahlen für Softwarequalität so selten sind: Kostengrössen werden seltener mit derselben Sichtbarkeit gemessen wie Umsatzgrössen. Die Lücke bleibt unsichtbar, bis ein Projekt daran scheitert.
Grosse ERP-Systeme prägen, wie die IT-Landschaft aussieht und wie im Unternehmen über sie gesprochen wird. Der eigentliche Wertbeitrag entsteht jedoch häufig ausserhalb davon: im Lagerverwaltungssystem, in der Fertigungssteuerung und in der Auslieferung. Dort ist die Qualitätsabsicherung oft am dünnsten, weil die Aufmerksamkeit beim ERP liegt.
Dazu kommt eine zweite Verengung. Systeme wie CAD, WMS, CRM und ERP werden häufig einzeln betrachtet. Im Vordergrund steht dabei der IT-Prozess, und der Geschäftsprozess über mehrere Systeme hinweg gerät aus dem Blick. Die Systeme sind über die Jahre nacheinander und individuell implementiert und integriert worden. Die zugehörigen Testfälle wurden in den Mandaten, die wir kennen, seither oft kaum angepasst und passen nicht mehr gut zu einer integrierten, agilen Arbeitsweise. Das deckt sich mit einer Beobachtung aus ERP-Landschaften generell: Die grössten Fortschritte entstehen dort, wo der durchgängige Geschäftsprozess über alle beteiligten Systeme betrachtet wird.

Die Zahlen passen dazu: 93% der Hersteller setzen ein MES ein, aber nur 23% berichten von voller Integration über ERP, PLM, Qualität und OT hinweg. 44% nennen genau diese Integration als ihre wichtigste Anforderung (Branchenumfrage zu MES-Adoption, 2026).
Die Spannung verschärft sich gerade jetzt. CRM- und ERP-Lösungen werden unabhängig vom Anbieter deutlich häufiger aktualisiert als früher, halbjährlich bis vierteljährlich, und vielfach sind die Updates verpflichtend. Jedes Update trifft auf Testfälle, die für eine andere, seltenere Release-Kadenz gebaut wurden.
In Branchen, in denen Risikominimierung der zentrale Treiber für Qualität ist, etwa im Banking, wird Qualität als kontinuierliche Absicherung verstanden. In der Fertigung erleben wir häufiger eine ingenieurgetriebene Problem-Lösungs-Logik: Ist heute kein Problem sichtbar, besteht auch kein Handlungsbedarf. Dazu kommt ein starkes Projekt-Mindset. Qualität gilt als Teil des Implementierungsprojekts und endet häufig mit ihm.
Diese Haltung hat ihre Berechtigung, sie bringt Fokus und Pragmatismus. Sie stösst dort an Grenzen, wo Probleme erst im Zusammenspiel von Systemen oder bei Updates sichtbar werden.
Die eigentliche Lücke liegt meist in der fehlenden Kontinuität. Task-Management, Dokumentation und Testmanagement laufen in vielen Fertigungsunternehmen unabhängig nebeneinander. Eine ALM-Plattform ist dafür ein typisches Beispiel: oft bereits lizenziert, aber selten konsequent genutzt, unabhängig vom ERP-System dahinter. Eine gezielte Verbindung dieser Bereiche würde die Reife spürbar erhöhen, ganz ohne neue Werkzeuge.
Was dafür meist fehlt, ist eine unternehmensweite Steuerung, die über die einzelne Enterprise- oder IT-Architektur und über die Projektmanagement-Methodik hinausgeht. Fehlt diese Steuerung, entsteht zudem ein Know-how-Monopol. Werden Softwareänderungen und Tests nicht durchgängig und automatisiert dokumentiert, wissen oft nur wenige Fachleute, ob kritische Systeme zuverlässig funktionieren.
Dieselbe fehlende Kontinuität betrifft auch die Governance-, Agilitäts- und KI-Debatte. Laut Gartner behandeln nur 7% der Organisationen in der Fertigung den Abbau technischer Schuld als eine ihrer drei wichtigsten Modernisierungsprioritäten, obwohl KI auf saubere, integrierte Daten aus genau diesen Systemen angewiesen ist. Die Folgen zeigen sich bereits: 87% der Fertigungsunternehmen setzen generative KI ein, 28% davon erlebten unerwartete negative Auswirkungen, und nur 14% fühlen sich auf die Compliance-Anforderungen vorbereitet (RSM-Umfrage, 2025). Softwarequalität gehört in diese Debatte, und zwar als dauerhafte Fähigkeit des Unternehmens.
Bleiben Tests manuell, blockiert das die Organisation bei jedem Zyklus neu. Testautomatisierung und schon eine systematische Testdaten-Bereitstellung zahlen sich deshalb bei jedem wiederkehrenden Muster erneut aus: bei Upgrades, bei länderweisen Rollout-Programmen und bei jedem UAT-Zyklus.
Wann lohnt sich Testautomatisierung nicht?
Bei einmaligen Anpassungen an Systemen, die sich selten ändern, rechnet sich Testautomatisierung meist nicht. Automatisierte Tests müssen bei jeder Systemänderung gepflegt werden, und instabile Tests verursachen mehr Aufwand, als sie einsparen. Ihren Nutzen entfaltet Testautomatisierung bei wiederkehrenden Aufgaben wie Updates, Rollouts und Regressionstests. Eine Standortbestimmung vor der Investition zeigt, welche Abläufe sich im eigenen Umfeld dafür eignen.
CRM-, ERP- und PLM-Systeme werden immer häufiger aktualisiert. Ob Ihre Tests mit diesem Tempo mithalten oder an einzelnen Personen hängen, lässt sich in einem kurzen Gespräch einschätzen. Daraus ergibt sich ein erster Schritt, der zu Ihrem Umfeld passt.
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